Balkonkraftwerk Ost-West oder Süd: der direkte Vergleich

Kurzantwort: Süd liefert den höchsten Jahresertrag, konzentriert ihn aber auf eine Mittagsspitze, die im Balkonbetrieb oft unvergütet ins Netz fließt. Ost-West erzeugt insgesamt weniger, verteilt den Strom aber auf Vormittag und Abend und passt dadurch häufig besser zum tatsächlichen Verbrauch. Welche Ausrichtung sich lohnt, hängt vom Haushaltsprofil ab – nicht von einer allgemeinen Faustregel.

Warum „Süd ist am besten“ die falsche Frage beantwortet

Die Aussage „Süd bringt am meisten“ ist technisch korrekt und für Balkonkraftwerke trotzdem unvollständig. Sie beschreibt den Jahresertrag – die gesamte erzeugte Strommenge. Für die Wirtschaftlichkeit eines Steckersolargeräts zählt jedoch nicht der erzeugte, sondern der selbst genutzte Strom.

Der Grund liegt in der Vergütung. Das Umweltbundesamt formuliert es eindeutig: Balkonsolaranlagen sind vollständig auf den zeitgleichen Eigenverbrauch ausgerichtet, und Stromüberschüsse werden „unvergütet ins öffentliche Stromnetz eingespeist“. Jede Kilowattstunde, die erzeugt wird, während niemand sie verbraucht, ist damit finanziell wertlos. Nur die vermiedene Netzstrom-Kilowattstunde spart Geld.

Damit verschiebt sich die entscheidende Frage: Nicht „Welche Ausrichtung erzeugt am meisten?“, sondern „Welche Ausrichtung erzeugt dann, wenn der Haushalt Strom braucht?“

Was Süd wirklich leistet: viel Ertrag, schmale Spitze

Eine nach Süden ausgerichtete Anlage erreicht in Deutschland den höchsten Jahresertrag – das bestätigt auch das Umweltbundesamt: nach Süden ausgerichtete Module liefern im Jahresverlauf die höchsten Erträge. Die europäische Strahlungsdatenbank PVGIS (JRC) bildet diese Standortabhängigkeit für jeden Standort ab.

Der Haken ist die zeitliche Verteilung. Süd erzeugt eine hohe, schmale Ertragskurve rund um die Mittagszeit, mit dem größten Teil der Tagesenergie in den Stunden zwischen etwa 11 und 15 Uhr. In vielen Haushalten ist genau das die Zeit mit dem geringsten Verbrauch: Berufstätige sind außer Haus, die Grundlast beschränkt sich auf Kühlschrank, Router und Standby-Geräte.

Die Folge: Ein erheblicher Teil der Mittagsspitze übersteigt den momentanen Bedarf und fließt ungenutzt ins Netz. Der hohe Jahresertrag steht auf dem Papier – auf der Stromrechnung kommt nur der genutzte Anteil an.

Was Ost-West anders macht: weniger Gesamtertrag, breitere Kurve

Eine Ost-West-Aufteilung – ein Modul nach Osten, eines nach Westen – erzeugt über das Jahr weniger Strom als Süd. Als orientierender Modellwert liegt der Ost-West-Jahresertrag bei rund 78–82 % einer vergleichbaren Südanlage gleicher Neigung; nach PVGIS (Berlin, 35° Neigung, 14 % Verluste) sind es 78 %. Die genaue Zahl hängt von Neigung und Standort ab und lässt sich für den konkreten Fall über PVGIS bestimmen.

Der Vorteil liegt in der Form der Kurve. Statt einer einzelnen Mittagsspitze entsteht ein breiteres Profil mit zwei sanfteren Erhebungen: Das Ostmodul liefert am Vormittag, das Westmodul am späten Nachmittag und frühen Abend. Genau in diese Randzeiten fällt in vielen Haushalten der reale Verbrauch – Frühstück und Morgenroutine, später Kochen, Waschen und die abendliche Nutzung nach Feierabend.

Deshalb gilt: Ost-West kann trotz geringeren Gesamtertrags einen höheren Eigenverbrauch erreichen. Der Stecker-Solar-Simulator der HTW Berlin bildet genau diesen Zusammenhang ab – die Ausrichtung ist dort einer der Faktoren, mit denen sich Eigenverbrauch und Autarkiegrad berechnen lassen. Als orientierende Größenordnung nennen Auswertungen ohne Speicher für Südanlagen eine Eigenverbrauchsquote von etwa 25–35 %, für Ost-West etwa 35–45 %. Diese Werte sind Modellwerte und verschieben sich mit dem individuellen Lastprofil.

Ausrichtung, Ertrag und Eignung im Überblick

Die folgende Tabelle fasst die Ausrichtungen zusammen. Die Ertragswerte gelten für eine Neigung von 30–35° und sind in Relation zur Südausrichtung (= 100 %) angegeben. Quelle: PVGIS 5.3, Standort Berlin (52,52 / 13,405), 14 % Systemverluste. Sie ersetzen keine standortgenaue Berechnung.

Ausrichtung Relativer Jahresertrag (orientierend) Erzeugungszeitpunkt Passt zu diesem Profil
Süd ~100 % Schmale Spitze mittags Anwesenheit tagsüber, Homeoffice mittags, Wärmepumpe oder Pool mit Mittagslast
Ost-West ~78 % Vormittag + Abend, breite Kurve Frühstück zu Hause, Verbrauch morgens und abends, tagsüber niemand da
Nur Ost ~80 % Vormittag Frühaufsteher, hoher Morgenverbrauch
Nur West ~77 % Nachmittag/Abend Berufstätige, Hauptverbrauch nach Feierabend

Die Werte beruhen auf öffentlichen Strahlungsdaten (PVGIS) und den in der Literatur genannten Größenordnungen; die exakte Zahl für den eigenen Standort liefert nur eine Berechnung mit realer Neigung, Verschattung und Verbrauchsprofil.

Wovon die Entscheidung wirklich abhängt

Es gibt keine universell beste Ausrichtung – es gibt die zum Haushalt passende. Drei Fragen führen zur Antwort:

Wann ist jemand zu Hause und verbraucht Strom? Ein Haushalt mit konstanter Mittagsanwesenheit oder Mittagslasten (Wärmepumpe, Klimagerät) nutzt die Südspitze gut aus. Ein Haushalt, der morgens und abends verbraucht und tagsüber leer ist, profitiert vom Ost-West-Profil.

Wie hoch ist die Grundlast? Je höher der dauerhafte Verbrauch über den Tag, desto weniger fällt die Kurvenform ins Gewicht – dann rückt der reine Ertrag und damit Süd nach vorn.

Welche Ausrichtung ist am Balkon überhaupt möglich? In der Praxis gibt die Himmelsrichtung des Balkons die Entscheidung häufig vor. Dann geht es weniger um die Wahl als um eine realistische Ertragserwartung.

Eng verwandt ist die Frage der Neigung: Ein senkrecht an der Brüstung montiertes Modul verändert die Kurve zusätzlich und dämpft die Sommer-Mittagsspitze – das behandelt der Beitrag 90 Grad senkrecht aus dem Blickwinkel des Anstellwinkels, während es hier um die Himmelsrichtung geht. Beide Effekte überlagern sich in der Realität.

So lässt sich der eigene Fall berechnen

Weil Ertrag und Eigenverbrauch vom individuellen Verbrauchsprofil abhängen, führt an einer eigenen Berechnung kein Weg vorbei. Der Rechner dieses Portals nutzt die offiziellen PVGIS-Daten (Version 5.3) und vergleicht Ausrichtungen für den konkreten Standort – ohne Verkauf von Hardware und ohne Abfrage persönlicher Daten.

Sinnvoll ist es, das eigene Verbrauchsprofil ehrlich einzuschätzen: Der Beitrag Eigenverbrauch nach Haushaltsprofil hilft dabei, den realen Tagesverlauf abzuschätzen, statt mit einem Durchschnittswert zu rechnen. Wer eine Balustrade, ein Nachbargebäude oder einen Baum vor dem Balkon hat, sollte zusätzlich Verschattung berücksichtigen, da Teilverschattung die Ausrichtungsfrage überlagern kann.

Den gesamten Planungsablauf – von der Leistung über die Montage bis zur Anmeldung – bündelt die Übersicht Balkonkraftwerk planen.

Fazit

Süd maximiert den Jahresertrag, Ost-West maximiert oft den Eigenverbrauch – und der Eigenverbrauch ist beim Balkonkraftwerk das, was Geld spart. Welche Seite überwiegt, entscheidet nicht die Physik der Sonne allein, sondern das Zusammenspiel aus Erzeugungszeitpunkt und Verbrauchszeitpunkt. Wer beides für den eigenen Haushalt durchrechnet, trifft eine belastbarere Entscheidung als jede Faustregel sie liefern kann.


Quellen

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